Blog-O-Quest #20: RollenBrettSpiel

Merimac von Spiele im Kopf veranstaltet die diesmonatige Blog Queste und hat sich als Thema Brett- und Rollenspiele ausgesucht. Als begeisterter Brettspieler mache ich mich da gerne an die Beantwortung seiner Fragen.

Zuvor aber noch eine Werbung in eigener Sache: Schon vor einem Jahr habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie man fünf Brettspiele als Ideenlieferant für eine Brettspielkampagne benutzen kann. Wen’s interessiert: hier geht’s zum Artikel 5 Brettspiele als Rollenspielkampagne.

1. Hast Du bereits ein Brettspiel gespielt, dass Dir ein vergleichbares Erlebnis wie ein Rollenspiel vermittelt hat?

Für mich machen das Rollenspiel im allgemeinen vier Dinge aus: Charakterentwicklung, Charakterdarstellung, das Erzählen einer Geschichte und die Entscheidungs- und Handlungsfreiheit.

Charakterentwicklung innerhalb einer Spiele-Session ist ja schon recht weit verbreitet. Z.B bei all den Pseudo-Rollenspielen aka Dungeon Crawler wie Descent. Ich halte das Verbessern des Charakters für einen ganz wichtigen Motivationstreiber im Rollenspiel und bin daher sehr happy, dass dies nun auch bei Brettspielen passiert. Ich freue mich jedenfalls jedes Mal, wenn mein Weltraumforscher in Space Alert eine neue Fertigkeit erlernt.

Das Geschichten Erzählen machen einige Brettspiele ebenfalls sehr toll. T.I.M.E Stories oder Pandemic Legacy sind da sehr gute Beispiele dafür. Vor allem bei Pandemic Legacy hat mich die Story echt gepackt und die Zeit zwischen den einzelnen Spielterminen hat meine Geduld und meine Neugier auf eine harte Probe gestellt.

Der Soldat John Mason - ein Charakter aus unserer Pandemic Legacy Runde
Der Soldat John Mason – ein Charakter aus unserer Pandemic Legacy Runde. Entdeckt wer das Powergaming an diesem Char?

Charakterdarstellung habe ich noch nicht wirklich in einem Brettspiel umgesetzt gesehen. Was auch wenig verwunderlich ist, geht es im Brettspiel doch meist ums Gewinnen. Sei es alleine gegen die anderen Spieler oder als Team gegen das Spiel. Eine glaubwürdige Darstellung eines Charakters ist aber immer eine Einschränkung seiner Möglichkeiten, etwas, das man bei einem Brettspiel normalerweise nicht will. Trotzdem inspirieren mich und meine Mitspieler manche Brettspiele dazu, die eigene Figur etwas auszuspielen, etwa indem man von ihr in der Ich-Form spricht, vielleicht sogar mit verstellter Stimme. Die Charaktere von Zombicide sind alle mit einem kurzen Flufftext versehen, der zu einer solchen Darstellung inspirieren kann. Einige dieser Charaktere haben es auch schon als NSC in meine diversen Rollenspielkampagnen geschafft.

Wo es noch ganz massiv fehlt ist die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Die Regeln sehen es eben vor, dass der Oberbösewicht am Ende des Spieles eins auf die Mütze bekommt. Man kann sich nicht auf seine Seite schlagen, oder ihm seinen finsteren Plan ausreden. Also gut: dann gibt es eben aufs Maul. Aber leider nur in einer direkten Konfrontation. Ein heimtückisches Attentat aus dem Hinterhalt wäre ungefährlicher, ist aber nicht vorgesehen. Das ist jetzt aber kein Vorwurf. Würde ein Brettspiel all diese Möglichkeiten vorsehen, wäre es ja auch kein Brettspiel mehr sondern ein Rollenspiel.

Insofern muss ich die Frage von Merimac also mit Nein beantworten. Kein Brettspiel hat bei mir je eine auch nur annähernd ähnliche Immersion ausgelöst, wie sie das Rollenspiel bietet. Anders als Rahdo, der in seiner Pandemic Legacy Rezension unter Tränen berichtet, wie er die Stadt Riad dem Untergang preis gegeben hat. Obwohl, ein bisschen leid getan hat es mir schon, als wir Bangkok genuked haben.

Allerdings habe ich durchaus schon einige Rollenspielsessions gehabt, die sich eher wie Brettspiele angefühlt haben. Ein Grund warum ich um Kaufabenteuer meist einen großen Bogen mache. Je verregelter ein System ist, umso näher rückt es in meiner Wahrnehmung in die Nähe von Brettspielen.

2. Brettspiele buhlen gerade auf Kickstarter mit opulenter Ausstattung wie Miniaturen, Spielbrettern und Markern. Hast Du schon ein Brettspiel für Komponenten ausgeschlachtet, die Du dann im Rollenspiel eingesetzt hast?

Ja, und zwar Junta. Wer das nicht kennt: das ist ein Politspiel, bei dem man die einflussreichen Familien einer Bananenrepublik spielt und sich um Regierungsämter und Entwicklungshilfegelder streitet. Ich habe mal eine Rollenspielkampagne mit genau diesem Thema geleitet. Die Spieler waren Regierungsmitglieder oder einflussreiche Berater von El Presidente. Als solche mussten sie sich mit Menschenrechtsdelegationen, Fischfang-Quoten und charmanten britischen Spionen herumschlagen. Als es dann endlich zum Putsch kam, mussten die Spieler eine Entscheidung treffen: bleiben sie loyal oder schließen sie sich den Rebellen an? Die darauf folgende Schlacht um die Hauptstadt haben wir mit dem Material und nach den Putschregeln von Junta gespielt.

 

Der Spielplan für das Putschspiel in Junta (Pegasus)
Der Spielplan für das Putschspiel in Junta (Pegasus)

Ein weiterer solcher Fall ist Space Alert. Zum einen haben uns die Flufftexte in den Regelheften erst zu dieser Kampagne inspiriert, andererseits haben wir die Abschlussprüfung auf der Akademie als normale Session Space Alert gespielt. Der Punktescore aus dieser Partie ging auch in die Personalakte der SCs ein. Möglich war das, weil wir eben genau in der Konstellation unserer Rollenspielrunde auch gerne Space Alert spielen. Somit musste nicht erst das Spiel erklärt werden.

Ansonsten hat schon mal die eine oder andere Mini oder ein Kartonaufsteller aus einem Brettspiel meinen Char auf der Battlemap repräsentieren dürfen. Ich spiele allerdings nur sehr selten mit Bodenplänen, daher waren das nur vereinzelte Einsätze. Wenn ich aber jemals eine Zombie-Apokalypse mit Battle-Map leiten möchte: ich bin bereit!

3. Spinnen wir diesen Gedanken weiter: Einige Systeme bieten inzwischen Einsteigerboxen an, die eben mit Bodenplänen, Markern oder fertigen handlichen Beispielcharakteren das Erlernen eines neuen Rollenspiel greifbarer machen. Vermisst Du in diesen Produkten noch weiteres hilfreiches Material, oder sähest Du vielleicht gern, dass weiterführende Publikationen das Boxkonzept mit beigefügten Komponenten fortführten?

Also erst einmal sei gesagt, dass ich dem Konzept der Einsteigerbox eher skeptisch gegenüber stehe. Wenn eine solche existiert ist das meist ein Zeichen dafür, dass das eigentliche Spiel für Einsteiger viel zu komplex ist. Und dass man als Neuling die Finger davon lassen sollte. Praktisch ist aber, dass man eben alles benötigte Material, vor allem die Würfel gleich zu den Regeln dazu bekommt. Welcher Nicht-Rollenspieler hat schon einen W20 zu Hause rumliegen?

Was ich für ganz wichtig halte bei Einsteigerboxen, aber auch bei klassischen Regelbüchern: Abenteuer. Jetzt bin ich ja wie bereits erwähnt kein Fan von Abenteuern, die Menschen geschrieben haben, die mich, meine Gruppe und deren Charaktere nicht kennen, aber es ist unbestreitbar, dass der kommerzielle Erfolg eines Rollenspiels schon mit der Anzahl der verfügbaren Kaufabenteuer korreliert. Der Bedarf scheint also da zu sein. Und für Einsteiger bieten sich vorgefertigte Abenteuer auf jeden Fall an. Ich finde, es reicht aber nicht, ein einzelnes Abenteuer beizulegen. Auch nicht mehrere, die im Aufbau aber alle gleich sind. So Marke Mit einem Hauch von Story verbundene Serie an Kämpfen.

Es sollte also eine Sammlung unterschiedlicher Abenteuer sein. Zuerst natürlich der Klassiker, der darauf ausgelegt ist, die Regeln zu erlernen. Idealerweise kann man dieses Abenteuer spielen, ohne die Regeln gelesen hat. Dann einen Dungeoncrawl, ein Detektiv-Abenteuer und ein Abenteuer, in dem soziale Interaktion wichtig ist. Und irgendetwas sandboxiges. Und vielleicht noch ein paar weitere, die mir gerade nicht einfallen. Aber es sollte dem Neuling eine breite Auswahl an Spielstilen vorgestellt werden.

Zum Konzept der Box: also ich fand ja die alten DSA Boxen schon super und ich liebe meine fette Warhammer Fantasy 3rd Box. Letztere war auch wirklich randvoll mit Stuff. Bei den DSA Boxen waren halt ein paar Würfel dabei, Charakterblätter (nicht unwichtig in Prä-Internet Zeiten) und der Inhalt war auf mehrere Bücher oder Hefte aufgeteilt (eins für alle, eines nur für den Meister). Außerdem konnte man alles mit reinpacken, was man für den Spieleabend brauchte: Charakterblatt, Bleistift, Notizblock… Und dass ich bei Warhammer anstatt eines Charakterblatts eine Charakterbox, voll mit Kartonfigur, Aktionskarten, Wundmarkern, Würfeln, Charakterblatt und Trackern mitgebracht habe fand ich schon sehr sexy.

Mehr Inhalt als so manches Brettspiel: Warhammer Fantasy RPG 3rd Grundbox. © Fantasy Flight Games
Mehr Inhalt als so manches Brettspiel: Warhammer Fantasy RPG 3rd Grundbox. © Fantasy Flight Games

Solche Boxen sind aber in der Herstellung teuer und die Verkaufszahlen, die die DSA Boxen früher hatten, erzielt heute niemand mehr. Insofern hege ich keine Hoffnung, dass die Box außerhalb von Einsteigerboxen ein großes Comeback führen wird. Persönlich sind da auch andere Entwicklungen für mich interessanter: einerseits das e-book, das etwas billiger als ein Buch ist und keinen Platz benötigt und andererseits gedruckte Bücher im Taschenbuchformat. Beides lässt sich nämlich in der Straßenbahn viel komfortabler lesen als die klassischen A4 Bücher.

4. Einige der beliebtesten Rollenspielwelten wie z. B. DnD, DSA oder Warhammer setzen parallel auf Brettspielumsetzungen. Kommt bei Dir auch davon etwas regelmäßig auf den Spieltisch?

Ich mag keine Dungeon Crawler wie Descent oder Talisman. Die Koop-Kartenspiele zu Pathfinder (Pathfinder Action Card Game) und Shadowrun (Shadowrun Crossfire) spiele ich sehr gerne. Als Koop Spiele sind diese auch als Solospiel geeignet, was ich auch gelegentlich mache, wenn ich Bock auf Charakter leveln habe und keine meiner Spieler Zeit haben. Was ich beim Pathfinder Kartenspiel allerdings schade finde: die ganze Kampagne ist an die Pen & Paper Kampagne Rise of the Runelords angelehnt. So tauchen die Gegner und Locations aus den Adventure Paths auch im Kartenspiel auf. Leider gibt es aber keine Geschichte dazu. Ich hätte mir dafür Vorlesetexte wie etwa in Legenden von Andor gewunschen, wo man nach erfolgreichem Spiel kurz die Geschichte erzählt bekommt, was gerade passiert ist, und wie sich der Sieg der Spieler auf die Umwelt auswirkt.

5. Als Abenteuermodul für das Rollenspiel ein alter Hut, bei Brettspielen ein neuer Trend und als Abzocke verschrien: Kampagnen- und Einmal-Spiele wie zum Beispiel Pandemic Legacy, T.I.M.E Stories oder Escape Rooms wollen neben einem einmaligen Spielerlebnis erst gar keinen Wiederspielwert bieten. Reizen Abenteuermodule und derartige Brettspiele Dich dennoch?

T.I.M.E Stories hat mir jetzt nicht wirklich gefallen. Ich habe nur den Fall aus der Grundbox gespielt, möglicherweise sind da die extra zu kaufenden Cases besser. Aber mir ist das ganze zu mechanisch. Wenn man den Fall im ersten Anlauf löst, dann nur weil man zufällig die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Ich habe jedenfalls keinen Weg gefunden, wie man durch Logik sicher zu einem Sieg im ersten Anlauf kommen kann. Danach macht man nur noch, was man schon richtig gemacht hat und versucht, das besser zu machen, was nicht geklappt hat. Wir haben unseren Fall dann im dritten Anlauf geschafft, aber Spaß hat der eigentlich keinen mehr gemacht. An alle Fans von T.I.M.E Stories: wenn ich da jetzt was übersehen habe und ich dem Spiel unrecht tue, bitte um Kommentar!

Pandemic Legacy war da ein anderes Kaliber. Zwar ist die Spielmechanik zum Großteil immer gleich, aber doch unterscheidet sich jeder Monat von den vorherigen. Einmal verändert sich eine Krankheit und ist schwerer zu behandeln, dann hat man Extra-Ressourcen zur Verfügung und im darauffolgenden Monat muss man sich zusätzlich zur Eindämmung der Krankheiten auf die Suche nach Patient Zero machen. Ich spiele Pandemic schon sehr gerne, und Legacy war da noch eine deutliche Steigerung, weil es eben mehr Abwechslung und zusätzlich auch eine coole Story gab. Wenn bei Season 2 jetzt noch die Elemente aus In the Lab mit reinkämen, ich wäre im Himmel!

Das Argument der mangelnden Wiederspielbarkeit gilt für mich nicht bei Pandemic Legacy. Die Kampagne dauert mindestens 12 Spiele, bei  uns waren es 16. Obwohl ich passionierter Brettspieler bin, ist die Anzahl der Spiele, die ich 10 Mal oder öfter gespielt habe, schon sehr überschaubar. Und man kann nach dem Abschluss der Kampagne durchaus noch mit dem Material spielen. Zerreißt man Karten nicht, wenn man dazu aufgefordert wird, sondern legt sie zur Seite, ist noch alles Material vorhanden, das für eine klassische Pandemic Runde benötigt wird. Und die Aufkleber am Spielbrett kann man leicht wieder entfernen, man kann sie einfach ignorieren oder man spielt in der zerrütteten Welt von Pandemic Legacy. Die Cow-Level Version von Pandemic  sozusagen.

Allgemein gilt aber für mich bei Einmal-Spielen: es ist ja kein Geheimnis, dass man sie nur einmal spielen kann. Wenn ich weiß, dass ich ein Spiel nur einmal oder nur begrenzt oft spielen kann, muss ich halt abschätzen, ob es mir das Geld wert ist. Pandemic Legacy Season 2 werde ich mir sicher kaufen. Bei einem Escape the Room Spiel bin ich gerne dabei, würde mir aber keines zulegen. Aber das liegt an den Spielen selber, nicht an deren einmaliger Spielbarkeit. Die sind zwar ein ganz netter Zeitvertreib, aber an die echte Erfahrung kommen sie halt nicht ran.

Bonusfrage: DnD 5e erscheint dieser Tage überraschend in einer deutschen Fassung. Hast Du auch Interesse an einer Übersetzung der aktuellen DnD-Brettspiele wie etwa Lords of Waterdeep oder Dungeon?

Nein, Erstens reizen mich die Spiele selber nicht und zweitens habe ich kein Problem mit Englischen Spielen. Wenn ich die Spiele also haben wollte, hätte ich sie schon auf Englisch und dann würde ich sie mir nicht nochmal auf Deutsch zulegen.

Dass DnD5 hingegen auf Deutsch herauskommt ist hingegen eine sehr freudige Nachricht für mich. Zwar habe ich auch hier schon die englischen Originalausgaben, aber es ist nie verkehrt, wenn man den Spielern einer neuen Kampagne sagen kann, dass es das Regelbuch auch auf Deutsch zu kaufen gibt. Außerdem halte ich DnD5 für ein ausgezeichnetes Einsteigersystem.

 

So, mehr Antworten auf diese 5+1 Fragen findest du hier. Wenn du ebenfalls an diesem Blog-O-Quest teilnehmen möchtest, dann findest du auf Spiele im Kopf die Regeln und die originale Fragenstellung.

 

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